Start Filialen Vor der letzten Schicht

Vor der letzten Schicht

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Tobias Neuhaus

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Lesedauer 4 Minuten

Das Weihnachtsgeschäft ist voll im Gange. Auch in der Rosenheimer Filiale Kufsteiner Straße, die in der ALDI SÜD Regionalgesellschaft Ebersberg die Nummer 34 trägt, haben die Kolleginnen und Kollegen alle Hände voll zu tun, die Regale nachzufüllen und die Wartezeit an den Kassen kurz zu halten. So ist das alle Jahre wieder. Und doch ist diesmal etwas entscheidend anders. Denn zum Jahresende schließt die Filiale für immer.

Hintergrund

Um die Entscheidung wurde lange gerungen. Hintergrund ist, dass ALDI SÜD seine über 1860 Filialen nach einem neuen Einrichtungskonzept modernisiert. Sie alle werden größer und heller, übersichtlicher und mit vielen Extras ausgestattet, die das Einkaufen noch angenehmer machen. Wo der Umbau aus Platzmangel nicht möglich ist, versucht die jeweilige Filiale, mehr Fläche zu erhalten oder an einen anderen Standort umzuziehen. In den meisten Fällen gelingt das, in Rosenheim jedoch nicht. „Wir haben viele Jahre mit der Stadt verhandelt und nach Ausweichmöglichkeiten gesucht“, sagt Manuela Haas, die Leiterin der Filialentwicklung. „Leider ohne Erfolg.“ Weil der Standort ohnehin mit einer schwierigen Parkplatzsituation zu kämpfen hatte und der Kundschaft dort künftig keine zeitgemäße Einkaufsstätte mehr geboten werden konnte, ließ sich die Schließung nicht vermeiden.

Damit endet die Geschichte von einer der ältesten Filialen in der Region. Ihre Eröffnung feierte sie im Jahr 1982. Helmut Kohl wurde damals Kanzler, Deutschland unterlag Italien im WM-Finale mit 1:3, und der Außerirdische „ET“ lockte Millionen in die Kinos. Für ALDI SÜD war das eine Zeit der Optimierungen. Die neuesten der damals rund 500 Filialen in West- und Süddeutschland wurden mit großen Parkplätzen ausgestattet. Außerdem verfügten sie nach und nach über Kühltheken, was das Warenangebot enorm erweiterte. Auch in der Kufsteiner Straße, in der neuen Filiale mit 35 Parkplätzen, gab es nun verbesserten Service und ein erweitertes Sortiment auf einer Verkaufsfläche von insgesamt 470 Quadratmetern. Doch was damals dem Trend entsprach, reicht heute nicht mehr aus. Denn das Waren- und Serviceangebot ist weiter gewachsen. Damit beides ausreichend Platz findet, umfasst die Verkaufsfläche einer modernisierten Filiale heutzutage idealerweise 1200 Quadratmeter, zuzüglich Nebenflächen für Lager, Backautomat und Personalräumen.

Filialleiter Erwin Schnauer vor „seiner“ Filiale 34.

Stetiger Wandel

Das Ende der Rosenheimer Filiale 34 rückte somit immer näher. Doch was sich als Umbruch ankündigt, ist nur ein weiteres Kapitel in der Geschichte eines stetigen Wandels. Erwin Schnauder kennt diese Entwicklung. Er arbeitet seit 30 Jahren für ALDI SÜD und ist seit 1991 Leiter der Filiale 34. Kurz bevor er seinen heutigen Posten übernahm, war er als Stellvertreter schon einmal für die Abwicklung einer Schließung verantwortlich. Die Filiale lag gut erreichbar mitten in der Rosenheimer Fußgängerzone, war sehr beliebt, aber zu klein, um bei den anstehenden Veränderungen Schritt zu halten.

An einem anderen Standort ließen sich diese Pläne später problemlos umsetzen. „Da kamen die Kühltruhen, und wir hatten jeden Tag frisches Obst und Gemüse“, sagt der 54-Jährige. „Kurz darauf konnten wir unseren Kunden dann sogar wöchentlich neue Aktionsartikel anbieten, und gleich vor der Filiale hatten wir einen eigenen Parkplatz.“ Was damals noch neu und ungewohnt war, ist heute untrennbar mit ALDI SÜD verbunden und aus den Filialen nicht mehr wegzudenken. Aus der Optimierung wurde schnell der neue Standard.

Nun bereitet Erwin Schnauder wieder eine Schließung vor. Auf den laufenden Betrieb hat das Ereignis kaum Einfluss, sagt er. Man muss schon genau hinschauen, um Hinweise zu finden. Etwa, dass die Vorräte an Putzmitteln und Folien nicht mehr aufgestockt werden. Oder dass Artikel wie zum Beispiel Weißbier, die im Winter nicht so stark gefragt sind, nur noch in geringer Menge nachbestellt werden. „Wir wollen weiterhin alle Artikel verfügbar halten und unseren Kunden das komplette Sortiment bieten. Gleichzeitig sollte am Ende möglichst wenig übrig sein“, sagt der Filialleiter. „Das ist jetzt die Kunst.“ Was an Waren zurückbleibt, wird verpackt und an die umliegenden Filialen verteilt. Anfang des Jahres wird dann das verbliebene Inventar abgeholt, noch einmal durchgefegt und abgeschlossen. Die Arbeit geht dann an anderer Stelle weiter. „Wir sind alle sehr froh, dass keine Stellen verloren gehen“, sagt Schnauder.

Regionalverkaufsleiter Josef Marx (links) und die Kollegen aus der Kufsteiner Straße sagen Servus.

Zukunft der Mitarbeiter

Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden auf umliegende Filialen verteilt. Die Kolleginnen und Kollegen, mit denen sie dort zusammenarbeiten, sind keine Unbekannten. Die Teams benachbarter Filialen tauschen sich regelmäßig aus und unterstützen sich gegenseitig, wenn es zum Beispiel kurzfristig zu personellen Engpässen kommt. „Dass die Mannschaft jetzt auseinander geht, ist natürlich traurig“, sagt Christine Bauer, die seit 26 Jahren als Verkäuferin und Tagesvertretung des Filialleiters in der Kufsteiner Straße arbeitet. Sie hatte gehofft, dass sich noch ein neuer Standort in der Nähe findet. „Schade, dass das nicht geklappt hat“, findet sie. Den Wechsel sieht sie mittlerweile pragmatisch. Bis zu ihrer neuen Filiale sei es kaum weiter, und an der Arbeit werde sich nichts ändern. „Das passt schon.“

Christine Heinzinger geht es ähnlich. Sie ist seit Mitte der 1990er-Jahre Stammkundin. Klar sei die Filiale sehr klein, sagt sie, und mit den wenigen Parkplätzen müsse man sich halt arrangieren. Mit der Schließung gehe für sie „ein Stück Vergangenheit verloren“ sagt die 47-Jährige. „Ich mag, dass ich hier alles auf einen Blick überschauen kann, und die Mitarbeiter waren immer sehr nett.“ Auf ihrer wöchentlichen Einkaufstour wird die Mutter von zwei Kindern nun vermutlich eine der umliegenden Filialen ansteuern. „Den einen oder anderen werde ich da ja wiedersehen.“

Erwin Schnauder macht als Filialleiter weiter. ALDI SÜD betreibt in Rosenheim drei weitere Filialen, und ein Kollege ist vor kurzem in den Ruhestand gegangen. Dort kann Schnauder das Steuer übernehmen. „Das ist nach heutigem Maßstab auch eine eher kleine Filiale“, sagt er. „Aber die liegen mir ja.“

Tobias Neuhaus
Tobias Neuhaus
Bei ALDI SÜD bin ich Mitarbeiter des Presseteams. Meine Spezialgebiete sind regionale Themen und der Bereich Human Resources. Das sind meine Lieblingsprodukte: Feinwürzige Gewürzgurken feurig-pikant, Büffelmozzarella und Ayran. Seitdem ich bei ALDI SÜD arbeite, kaufe ich da noch lieber ein.

2 Kommentare

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Schade! Die Filiale war super, die Mitarbeiter immer freundlich. Auf dem Weg von der Stadt nach Hause bin ich schnell noch zum Einkaufen rein. Klar - es war manchmal etwas eng, die Parkplätze waren knapp, dafür hielt aber auch der Bus direkt vor der Tür und mit dem Rad konnte man die Filiale ebenfalls super anfahren. Aldi braucht ein City-Konzept. Dss hätte diesen Standort vielleicht retten können. Mit einem etwas kleineren Angebot, nicht unbedingt die wöchentlichen Aktionsartikel, sondern alls für den täglichen Bedarf, so wie es REWE und NETTO schon länger vormachen. Nicht jeder braucht immer noch größere Lebensmittelmärkte auf der grünen Wiese, irgendwann gibt es keine Steigerung mehr, denke ich. Nicht jede Woche möchte ich in den "Hyper-Märkten" einkaufen. Nicht umsonst geht REWE nächstes Jahr mitten in die Rosenheimer Innenstadt, dort wo es keinen einzigen Parkplatz vor der Tür gibt. Denkt mal drüber nach #Aldi Süd ;-)
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    Tobias Neuhaus
    Hallo lieber Rosenheimer, ja, es ist in der Tat sehr schade. Unseren Kollegen fiel es nicht leicht, diese Entscheidung zu treffen und es wurde nach sämtlichen Möglichkeiten und Alternativen gesucht, die Filiale vor der Schließung zu retten. In Zeiten des Wandels ist das aber leider nicht immer anders möglich und alle Beteiligten hätten die Filiale auch lieber davor verschont. :-( Hab vielen Dank für dein ehrliches Feedback; wir geben das an unsere zuständigen Kollegen weiter und würden uns freuen, wenn du uns vielleicht in einer anderen Rosenheimer Filiale besuchst. Viele Grüße, Tobias
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