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Die Theaterleiterin Christiane Reichert arbeitet vorübergehend in einer ALDI SÜD Filiale.
Die Theaterleiterin Christiane Reichert arbeitet vorübergehend in einer ALDI SÜD Filiale.

Christiane Reichert leitet in Düsseldorf ein kleines, alteingesessenes Theater, das wegen der Corona-Krise schließen musste. Um die Zeit bis zur Wiedereröffnung zu überbrücken, arbeitet sie in einer ALDI SÜD Filiale. Für uns hat sie aufgeschrieben, wie die ersten Schritte im Lebensmitteleinzelhandel für sie waren. Ein Gastbeitrag.

März 2020. Die Corona-Krise hält das Land in Atem. Geschäfte schließen, Restaurants, Kinos. Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen. Auch ich muss mein kleines Düsseldorfer Theater schließen. Zeitpunkt der Wiedereröffnung unbekannt. Nach einer Woche Untätigkeit zu Hause merke ich: So geht das nicht weiter! Ich muss etwas tun! Ich muss raus! Ich brauche eine Aufgabe! Ich durchforste das Internet nach Anregungen und finde mehrere Artikel, in denen es heißt: Wegen der allgegenwärtigen Hamsterkäufe würden in den Supermärkten dringend Aushilfen gesucht. Supermarkt – warum nicht?!

„Wow! Das ging schnell!“

Ich mache mich direkt auf den Weg. Nur 10 Minuten Fußweg sind es bis zur Filiale. Einmal tief durchatmen und dann nichts wie rein. Direkt im ersten Gang stoße ich auf einen Mitarbeiter und frage ihn: „Entschuldigen Sie, suchen Sie derzeit zufällig Verstärkung?“ – „Klar. Gerne. Kommen Sie doch direkt mit rein.“ Er geleitet mich zu den Personalräumen, wo zufälligerweise gerade die Herren und Damen der Regionalverkaufsleitung anwesend sind. Wir setzen uns. Ein kurzes freundliches Gespräch, es wird direkt geduzt (was mir als Theatermensch sehr entgegenkommt) und zehn Minuten später stehe ich mit Arbeitsvertrag in der Tasche wieder vor der Filiale. Wow! Das ging schnell!

Eine Woche später ist es soweit: Mein erster Arbeitstag. Ich werde sehr nett empfangen, mit Arbeitsschuhen, Handschuhen, Cuttermesser und Transponder ausgestattet, kurz eingewiesen und dann einer Mitarbeiterin an die Hand gegeben. Brav trotte ich neben ihr her und helfe ihr beim Einräumen der Tiefkühlschränke. Ich staune über ihre Geschwindigkeit und Präzision. Werde ich auch mal so schnell werden? Vielleicht irgendwann, aber sicher nicht heute. Ich bemühe mich, gebe Vollgas, ackere wie bekloppt – und bleibe doch unfassbar langsam im Vergleich zu ihr. Dennoch scheint sie zufrieden.

Mittlerweile gute Freunde: Christiane Reichert und der "E-Hund".
Mittlerweile gute Freunde: Christiane Reichert und der „E-Hund“.

„Ich fühle mich wichtig und gebraucht“

Die Tage ziehen ins Land. Dreimal die Woche gehe ich jetzt zu ALDI SÜD und räume Regale auf. Immer noch sind alle einfach zauberhaft zu mir. In der zweiten Woche überträgt der Filialleiter mir „meine“ eigene Abteilung. Er ist von meinem Ordnungssinn angetan und möchte daher, dass ich mich jetzt immer um die sogenannten „Aktionen“ kümmere. Ich freue mich, fühle mich wichtig und gebraucht.

Zwei Tage später – ein sonniger Samstagmorgen. Ich ahne nichts Böses, als ich in die Filiale komme. Grüße die Kollegen, ziehe mich um und mache mich ans Werk, die Aktionsregale aufzuräumen. Der Filialleiter ist heute nicht da, stattdessen sein Stellvertreter. Junger Kerl, sehr nett. Hey, das ist doch der, den ich an meinem ersten Tag gefragt habe, ob in der Filiale Hilfe gebraucht wird. Ich danke ihm noch einmal und will mich gerade ans Werk machen – da passiert es. „Können Sie bitte Obst und Gemüse nachfüllen“, sagt er. „Es ist schon alles auf den Hund geladen. Sie können damit doch umgehen – oder?!“ Mir bricht der Schweiß aus. „Klar. Gerne.“

Begegnung mit dem „Hund“

Den „Hund“ habe ich am ersten Tag bei meiner Einarbeitung kennengelernt. So nennen sie hier den elektrischen Hubwagen, mit dem sie die Waren vom Lager in die Filiale befördern. Sieht einfach aus – wenn man geübt ist. Die 10 Meter von den Personalräumen bis zum Lager erscheinen mir endlos. Schräge Geigenmusik spielt in meinem Kopf. Ich biege um die Ecke und – da steht er. Groß. Gelb. Unförmig. Mit zitternden Händen fasse ich den Lenker an, mein Zeigefinger nähert sich dem Gashebel, ich drücke zu und füge mich meinem Schicksal.

30 Minuten später stehe ich wieder im Lager. Todmüde. Durchgeschwitzt. Mit den Nerven am Ende. Aber: Ich habe es geschafft! Ich habe die Bestie gemeistert! Ja, gut – sein wir ehrlich: Ich bin im absoluten Schneckentempo von gefühlten 1,75 cm pro Stunde gefahren, habe für jede Kurve 7 Anläufe gebraucht, angesichts all meiner „Entschuldigung – Vorsicht – Es tut mir leid“-Rufe bei den Kunden für viel Schmunzeln (und ebenso viel Mitleid) gesorgt, mich beim Aufladen der großen Kartoffelkisten total festgefahren (so dass ich von einer erfahrenen Kollegin gerettet werden musste) und habe dank meines miserablen räumlichen Sehvermögens um ein Haar die ganze Obsttheke umgeworfen. ABER: Ich habe die Bestie gemeistert.

„Ermattet, aber glücklich“

Der Stellvertreter des Filialleiters grinst. „Na? Geschafft? Ist schon etwas anderes als Aktionen aufräumen, hm?!“ Ich lächle. Ermattet, aber glücklich. Ich habe es geschafft. Ich bin der Bestie gegenüber getreten und ich habe sie bezwungen. Nicht glorreich, nicht anmutig – aber ohne nennenswerte Verluste. Müde wanke ich später nach Hause. „Wie war es heute?“, fragt mein Mann. „Gut“, sage ich. „Ich bin dem Hund heute alleine begegnet. Ich habe die Feuertaufe überstanden. Jetzt bin ich wirklich eine von ihnen.“

Und so war es – weitere zwei Wochen später kam ein Anruf des Regionalverkaufsleiters mit dem Angebot für einen unbefristeten Arbeitsvertrag. So lange mein Theater wegen Corona geschlossen bleiben muss, darf ich weiter bei ALDI SÜD arbeiten. Ich freue mich. Sehr. Wir treffen uns in der Filiale und ich unterschreibe den Vertrag. Auf einen Handschlag verzichten wir – die neuen Corona-Etikette. Stolz erfüllt mich. Ich habe eine Aufgabe. Ich habe eine Beschäftigung. Und vor allem – ich habe keine Angst mehr vor dem Hund.“

 

Unsere Kolleginnen und Kollegen leisten in der Corona-Krise Außerordentliches. Hier erzählen ein Azubi  eine Lagermitarbeiterin und ein Lkw-Fahrer, wie sie die aktuelle Lage erleben.

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