„Nu lass mal, Renatchen.“ So waren die 1950er bei Albrecht

In der ALDI SÜD Filiale im Duisburger Stadtteil Wanheim-Angerhausen ist Renate Okoniewski Stammkundin. Mehrmals in der Woche läuft sie mit ihrem „Hackenporsche“, wie sie liebevoll ihren Einkaufsroller nennt, die Straße herunter und kauft für ihren kleinen Haushalt ein. Oder sie macht an Aktionstagen Besorgungen für ihre Tochter. Erst letztens hat die Rentnerin hübsche Bettwäsche für ihre Anja gekauft. Kurzum: die Filialmitarbeiter kennen Renate Okoniewski. Aber wissen sie auch, dass sie es bei ihr mit einer ehemaligen Kollegin zu tun haben?

Wahrscheinlich nicht, denn Renate Okoniewski arbeitet schon sehr lange nicht mehr bei ALDI. Genau genommen war sie nie dort beschäftigt, denn als ALDI SÜD und ALDI Nord 1961 gegründet wurden, hat sie bereits als Krankenschwester bei der Bundeswehr in Koblenz  Wehrdienstleistende versorgt. Nein, wenn wir über die sympathische Frau berichten wollen, müssen wir bis in die frühen 1950er-Jahre zurückblicken, als ALDI noch Albrecht war und es eine Handvoll Filialen in Essen (heute ALDI Nord Gebiet) gab. „Renatchen“ , wie sie damals von Kolleginnen und Kunden gerufen wurde, gehört zu den ersten Verkäuferinnen, die je für das Unternehmen gearbeitet haben. Wenn auch nur knapp vier Jahre, denn schon 1956 entschied sie sich für einen neuen beruflichen Werdegang. Warum, dazu später mehr.

Fundstücke aus alten Zeiten

Die Erinnerungen an die Zeit bei Albrecht hat sie sich bewahrt. So gibt es zwei Fotos, die sie in einer Filiale zeigen. Auf einem Klassenfoto ist sie als junge Berufsschülerin zu sehen. Darüber hinaus hat sie alte Zeugnisse und einen Ausbildungsbrief zur  Kaufmannsgehilfin aufgehoben. Ihre Tochter Anja hat ihrer Mutter vorgeschlagen, sich mit diesen Fundstücken an ALDI SÜD zu wenden und wir finden: eine tolle Idee! Daher habe ich mich in der Adventszeit mit „Renatchen“ in ihrer Duisburger Wohnung getroffen und gestehe, dass ich geradezu an ihren Lippen hing, wenn sie begeisternd, humorvoll und detailreich über die damaligen Jahre erzählte.

Schon mit 14 Jahren begann Renate Okoniewski bei Albrecht in der Hauptfiliale in Essen-Schonnebeck ihre Ausbildung zur Kaufmannsgehilfin. Schnell lernte sie, worauf es beim Verkaufen ankam: immer ein offenes Ohr zu haben für die Kunden und Präzision beim Umgang mit den Waren. „Ob Zucker, Mehl, Käse oder Wurst – wir haben jedes Teil auf das Gramm genau abgewogen und in Papiertüten gepackt“, erzählt Okoniewski. „Registrierkassen waren damals ebenfalls noch nicht im Einsatz. Wir mussten alle Preise im Kopf ausrechnen.“ Neben losen Lebensmitteln für den täglichen Bedarf wurden beispielsweise auch Konserven und Wein verkauft. „Den Wein haben wir selbst abgefüllt, gekapselt, gekorkt und etikettiert“, erinnert sie sich. Und der Kaffee wurde in einer kleinen Rösterei im Hinterhof des Hauses geröstet. Aber vor allem die Keksdosen sind ihr in guter Erinnerung geblieben: „Es gab Prämien. Wenn man zehn Keksdosen verkauft hatte, bekam man ein Paar Seidenstrümpfe mit Naht geschenkt. Und ich war sehr gut im Verkaufen von Keksdosen, so dass ich meine Kolleginnen mit Strümpfen versorgen könnte“, sagt sie lachend.

Die rechte Person auf dem linken Bild ist Renate Okoniewski. Auf dem Bild rechts oben ist sie die vorderste Person auf dem Bild. Auf dem Klassenfoto ist sie in der untersten Reihe die dritte Person von rechts.

Von der Verkäuferin zur Krankenschwester

Drei Monate, nachdem Renate Okoniewski ihre Ausbildung beendet hatte, wechselte sie in eine neue Filiale nach Essen-Rüttenscheid. Schnell bemerkte die damals 17-Jährige, dass sich die Kundschaft in diesem besser situierten Stadtteil anders verhielt als in ihrer alten Filiale. „Schonnebeck ist eine echte Bergbausiedlung. Die Menschen dort lassen auch mal Fünfe gerade sein und nehmen es nicht so genau“, erzählt sie. „Wenn ich mal mehr Wurst abgewogen hatte als gewünscht, hieß es nur: ,Nu lass mal, Renatchen, nehm ich auch so.‘ Wenn die Waage allerdings in Rüttenscheid 105 Gramm statt 100 Gramm anzeigte, verlangten die Kunden sofort eine Korrektur.“ Als dann Mitte der 1950er-Jahre die Albrecht-Filialen zunehmend zu Selbstbedienungs-Läden wurden, reichte Renate Okoniewski schweren Herzens die Kündigung ein. „Kartons auspacken und an der Kasse sitzen, das war nicht mein Ding“, sagt sie. Mit einem sehr guten Arbeitszeugnis von Albrecht in der Tasche bewarb sie sich als Krankenschwester in einem Essener Krankenhaus. Bis zu ihrer Rente blieb sie ihrem Beruf treu und arbeitete als OP-Schwester.

 

Wenn sie heute eine ALDI SÜD Filiale betritt, ist natürlich alles anders als noch vor über 60 Jahren. Dennoch kauft sie immer gerne bei ihrem alten Arbeitgeber ein. „Besonders gefällt mir das lose Obst und Gemüse. Da ich nach dem Tod meines Mannes vor vier Jahren alleine bin, benötige ich ja nicht mehr so viel.“ In diesen Tagen dürfte ihr Einkaufswagen jedoch mal wieder bis oben hin gefüllt sein, denn neben Weihnachten steht ein weiteres großes Fest an: Am 28. Dezember feiert Renate Okoniewski ihren 80. Geburtstag. Wir gratulieren sehr herzlich und wünschen alles Gute, Glück und Gesundheit!

 

 

Kommentare

Interessante Geschichte. Der Geburtstagseinkauf könnte als nette Geste vom ehemaligen Arbeitgeber doch einmal spendiert werden :-)

Michael
    Jessica Buschmann

    Hallo Michael,

    keine Sorge, wir haben uns bereits etwas Schönes für Renate ausgedacht.

    Viele Grüße und Frohe Weihnachten

    Jessica Buschmann

Ich kenne eine gewisse Renate, die vor 15 Jahren beim Caritas Verband in Düsseldorf gearbeitet hat und meine Kollegin war…Diese Dame sieht meine ehemalige Kollegin sehr ähnlich aus, aber ich bin mir nicht sicher…So viel ich weiß, sie hätte fünf Kindern…Vielleicht kann die Autorin das raus finden?

Maria Karagianni
    Jessica Buschmann

    Hallo Maria,

    es handelt sich leider um eine andere Renate.

    Viele Grüße

    Jessica Buschmann

Ich kenne Frau Okoniewski aus der heutigen Zeit. Sie ist eine sehr liebe und interessante Person. Sie setzt sich immer für andere Menschen ein, ist hilfsbereit und hat immer ein offenes Ohr. Auf diesem Wege „Happy Birthday“ und für alle einen guten Rutsch ins Jahr 2018!

Teresa Grundei

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